Buchtipp der Woche (1)

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Dirk Maxeiner/Michael Miersch: Frohe Botschaften über den alltäglichen Wahnsinn.
wjs Verlag (Wolf Jobst Siedler jr); 18 Euro

Wir Menschen sind schon seltsame Wesen – glauben eine Nachricht umso lieber, je katastrophaler der Inhalt ausfällt. Diese Erfahrung jedenfalls haben die beiden Journalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch gemacht – und leiten daraus die Überlegung ab: Wer nach der Devise verfährt Was? Dir geht's gut? Da muss doch was zu machen sein… (Hildegard Knef 1971), kann seinen Verstand nicht umfassend gebrauchen, sondern sieht die Welt durch eine etwas arg verengte Brille. Da empfiehlt sich eine Maßnahme, das Sichtfeld wieder zu erweitern. Zum Beispiel dieses Buch.

Ausgerechnet eine schriftstellernde Kollegin nehmen die beiden als Beispiel ins Visier: Mit apokalyptischen Werken machte Gudrun Pausewang in den siebziger und achtziger Jahren Furore, und schließlich waren sie fester Bestandteil vieler schulischen Lehrpläne. Das erschreckendste Beispiel Die Wolke entstand direkt unter dem Einfluss von Tschernobyl als Vision einer Welt nach eingetretener Atom-Katastrophe. Allein: Wer drastische Szenarien entwirft, der ängstigt auch – und immerhin ist vieles, was in diesem (und anderen) Büchern beschrieben wurde, nicht eingetreten.

Also alles Quatsch mit der Atomkraft-Diskussion? Mitnichten. Die Autoren, selbst lange Jahre als Umweltjournalisten tätig, regen nur zum konstruktiven Verarbeiten an. Keine Schrecken an die Wand malen, sondern Auswege suchen, so die Devise. Wenn sie warnen, dann allenfalls vor arg vereinfachten Natur-Naturschutz-Denkschemata: X gut, Y böse.

Beispiel Wassersparen: Das an sich vielleicht löbliche Anliegen kann im Extremfall dazu führen, dass nicht mehr genug Wasser in die Kanalisationen kommt, um die im Alltag nun einmal unvermeidlichen Fäkalien ordnungsgemäß zu entsorgen, sprich: wegzuspülen. Es muss also mit erhöhtem Aufwand hineingepumpt werden – ein Aufwand, über dessen Umweltverträglichkeit sich trefflich streiten lässt (oder nicht).

Also lieber ganz entspannt im Hier und Jetzt leben, prassen und fröhlich pfeifen und wie Susi Sorglos die Zukunft abwarten? Wiederum: Nein – aber die Folgen des Handelns von Heute möglichst umfassend bedenken. Und wer Prognosen anstellt, muss extrem vorsichtig sein, weil das Hochrechnen der Welt von heute auf 100 oder mehr Jahre linear nicht funktionieren kann. Oder wer hätte bei entsprechenden Hochrechnungen um 1908 einen Alltag mit Erdgasautos, PC-Arbeitsplätzen und DVDs als Freizeitbeschäftigung einkalkuliert?

Dirk Maxeiner und Michael Miersch liefern eine überwiegend amüsante, im Kern aber sehr ernste Analyse über vermeintlich kritischen Umgang mit den vielen Facetten des Alltags. Sehr kurzweilig, extrem lehrreich, aber so ganz und gar nicht belehrend.

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