Buchtipp der Woche

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Sybil Gräfin Schönfeldt: Bei Astrid Lindgren zu Tisch. Arche Verlag; 19,90 Euro.

In Astrid Lindgrens Büchern wird, unter anderem, gut und gerne gegessen – wobei gut nicht immer üppig und teuer heißt. Karlsson vom Dach liebt kaum etwas mehr als kleine, braune Fleischklößchen, Pippi Langstrumpf backt ihren neuen Freunden Thomas und Annika zum Einstand einen feinen Pfannkuchen, und Lisa aus Bullerbü stellt verblüfft fest, wie einfach es doch ist, einen Zuckerkuchen zu backen. Michel aus Lönneberga schließlich vollbringt seinen vielleicht schönsten Streich, als er ausgerechnet für einen früheren – wie üblich – in den Holzschuppen im Garten gesperrt wird. In der Eile sperrt ihn Mama Svensson genau da ein, wo sie ihre hausgemachte Wurst aufbewahrt. Die vertilgt nun, während seiner eigentlichen Reuezeit, Michel. Und nicht die vornehme Städterin Frau Petrell, die bei Svenssons eingeladen war und sich schon so auf die Wurst gefreut hatte. Was wiederum nicht wirklich schade ist – speiste sie ihrerseits doch die Svenssons bei einem Besuch in der Stadt mit billigen Resten ab, nachdem sie selbst üppig diniert hatte.

Wenn es um gutes Essen geht, sind alle Figuren Astrid Lindgrens mehr oder minder das alter ego ihrer Schöpferin: Die Autorin liebte gute Mahlzeiten, sie liebte es, für ihre Familie zu kochen – und sie war eine exzellente Gastgeberin. Sibyl Gräfin Schönfeldt muss es wissen – selbst Autorin zahlreicher Kochbücher, war sie mit Astrid Lindgren überdies gut befreundet.

Was heißt nun gutes Essen für eine Schriftstellerin, die sich zeitlebens als einfache Bauerntochter aus Smaland sah? Alltags standen einfache Gerichte wie Fischauflauf und Apfelfleisch auf dem Tisch, und ein traditionelles Sommeressen war für Astrid Lindgren eine einfache Suppe aus Gartengemüse. Festlich getafelt wurde dann, wenn es wirklich ein Fest zu feiern gab. So wurden an Weihnachten verschiedene Sorten Brot gebacken, wurde Leberwurst gekocht und Leberpastete gebacken. Der traditionelle Geburstagskuchen für die Enkel, von ihnen heiß geliebt, war eine Torte aus gekochtem Milchreis, mit Zucker und Gewürzen verfeinert und im Ofen gebacken. Am allerliebsten mochte die berühmteste Kinderbuchautorin der Welt indes etwas noch viel Einfacheres: Schwarzbrot mit Speck. Beides war für sie eine unauslöschliche Erinnerung an die eigene Kindheit, war in Kindestagen die Wegzehrung schlechthin, mit der sich der Alltag spielend bewältigen ließ. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Astrid Lindgrens Reichtum im Ausdenken von Spielen muss unerschöpflich gewesen sein – ganz so wie der im Ersinnen von Geschichten.

Die Vorliebe für gutes Essen, die Kenntnis schwedischer Esstraditionen – all dies steht in engem Zusammenhang damit, wie Astrid Lindgren selbst aufwuchs: Von den geliebten Eltern lernte sie beizeiten, zu sparen, ohne dass die Mahlzeiten karg ausfallen, in der Natur von Smaland lernte sie, was wo wächst, wann es gepflückt oder geerntet wird – und natürlich die Kniffe der Zubereitung. Damit führt Sibyl Gräfin Schönfeldt die Leserinnen und Leser ein Stück weit in ein entschwundenes Land (wie Astrid Lindgren später die Zeit ihrer Kindheit nannte): Um 1910 konnte man noch pflücken und ernten, was die Erde hervorbrachte, ohne sich Gedanken um eventuellen Raubbau an der Natur zu machen – oder sich fragen zu müssen, ob die Früchte am Weg überhaupt essbar seien. Es wurde nur gegessen, was die Erde hergab, das gebot schon der Respekt vor der Natur.

Entstanden ist hier eine wunderschön zu lesende kleine Kulturgeschichte von gutem Essen, eine in liebevoller Zuneigung verfasste Erinnerung an eine gute Freundin, nicht zuletzt auch ein Stück weit ein Reiseführer in ein ohnehin beliebtes Urlaubsland. Spannend zu lesen, schön bebildert, mit einem Werkverzeichnis und einer Lindgren-Biographie versehen, ist Bei Astrid Lindgren zu Tisch ein Muss für alle Fans von Pippi Langstrumpf und Co. Zumal sie jetzt all das selbst nachkochen können, was das stärkste Mädchen der Welt, der gefräßige kleine Mann mit dem Propeller und alle anderen so gerne gegessen haben.

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