Jubiläum: Vor 20 Jahren siegte Walter Röhrl am Pikes Peak

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Genau 20 Jahre ist es her: Am 11. Juli 1987, gewann Walter Röhrl mit dem Audi Sport quattro S1 das Bergrennen am Pikes Peak im US-Bundesstaat Colorado.

Walter Röhrl und Audi, das war eine enge, stets extrem intensive Beziehung. Röhrl, der Weltmeister der Jahre 1980 und 1982, war 1984 zu dem Team aus Ingolstadt gestoßen. 1986 endete schließlich eine hochbeschleunigte Ära – Audi verließ die WM.

Um auch dem amerikanischen Publikum die art of engineering (so der Slogan in den USA) nahe zu bringen, war Audi 1984 zum ersten Mal beim berühmtesten Bergrennen der Welt angetreten – dem Race to the clouds am Pikes Peak im Bundesstaat Colorado. Der 4.301 Meter hohe Berg liegt in den Rocky Mountains und ist nach dem Entdecker Zebulon Montgomery Pike benannt, der ihn anno 1806 im Auftrag der US-Armee kartographierte. Das erste Rennen ging 1916 über die Bühne; danach wurde es regelmäßig ausgetragen, meist am Nationalfeiertag 4. Juli. Anfang der 80er Jahre richteten die Veranstalter eine Kategorie für Rallye-Autos ein – eine ideale Bühne für High-Tech-Marken wie Audi.

Die Strecke am Pikes Peak ist einzigartig. Das International Hill Climb, wie das Rennen offiziell heißt, findet in einer Welt statt, in der sich Bergsteiger zuhause fühlen. Sein Start am Crystal Creek erfolgt auf 2.866 Meter Höhe, bis zum Ziel auf dem Gipfel sind 19,99 Kilometer mit durchschnittlich sieben Prozent Steigung zu absolvieren.

Die Serpentinenpiste, die in 156 Kurven durch Nadelwälder und über nackten Fels führt, besteht zum größten Teil aus rötlichem Sand und Schotter, darunter liegt ein fester Untergrund aus Lehm. Die Fahrbahn ist auf den Geraden sechs Meter und in den Kurven bis zu 15 m breit, Leitplanken gibt es nicht. Im oberen Abschnitt windet sich die Piste immer wieder an scharfen Graten wie an einer Tischkante entlang, am Punkt Bottomless pit gähnt ein Abgrund, der 1.800 Meter tief ist.

Der S1, mit dem Röhrl 1987 als Audi-Einzelkämpfer antrat, war eine High-Tech-Fahrmaschine von nackter, ans Limit getriebener Funktionalität. Der 2,1-Liter-Fünfzylinder, längs im Bug montiert, gab nominell um 440 kW (etwa 600 PS) bei 8.000 1/min und 590 Nm Drehmoment bei 5.500 1/min ab. Am Gipfel des Pikes Peak dürfte die real verfügbare Leistung um 330 kW (zirka 450 PS) gelegen haben. Ein Umluftsystem setzte den großen Turbolader vom Typ KKK K28 permanent unter Druck, was dessen Ansprechverhalten in der dünnen Höhenluft entscheidend verbesserte: Wenn die Drosselklappe zuging, schoss die Ladeluft in den Auspuff; dort verbrannte sie mit dem Abgas nach und hielt so die Turbine auf Drehzahl.

Die Kräfte des Fünfzylinders strömten über ein Sechsganggetriebe, das bereits nach dem Doppelkupplungsprinzip operierte, auf einen quattro-Strang, der mit drei Sperrdifferenzialen bestückt war. Doppelquerlenker führten die vier 16-Zoll-Räder, auf die Reifen von Michelin aufgezogen waren. Am Pikes Peak, wo es praktisch nur bergauf ging, setzte Audi eine kleine und entsprechend leichte Bremsanlage ein.

Konsequent gewichtsoptimiert und zum Einsitzer umgebaut, wog der Audi Sport quattro S1 bei seinem Einsatz in Colorado nur etwa 1.000 Kilogramm. Über einem Gitterrohrrahmen spannte sich eine Außenhaut aus Stahlblech und Kunststoff. Gewaltige Flügel an Bug und Heck, im Windkanal entwickelt, drückten die kantige Karosserie auf den Boden, selbst an den Flanken trug das Auto breite Seitenleitwerke.

Walter Röhrl, der zurückhaltende Perfektionist, galt den amerikanischen Motorsportfans als fast unbekannter Europäer, er fuhr zum ersten Mal am Pikes Peak. Aber die Dominanz, mit der er das Geschehen von Beginn an in die Hand nahm, dokumentierte sein Ausnahmekönnen.

Am Renntag, dem 11. Juli 1987, schickten die Veranstalter die Piloten in der umgekehrten Reihenfolge der Trainingsresultate vom Start. Vatanen fuhr als Letzter los, Röhrl als Vorletzter. Der Mann aus Regensburg, am Steuer wie immer ruhig und abgeklärt, bewältigte den höchsten Highway der Welt in der neuen Rekordzeit 10:47,85 min. Viermal brachte er den S1 in den sechsten Gang, an der schnellsten Stelle wurde er mit 196 km/h gemessen. Röhrl nahm jede der 156 Kurven mit messerscharfer Präzision und die Kehren im vollen Drift, manchmal hing eine Ecke des Autos schon über dem Abgrund.

Walter Röhrl wirkte nach seinem Sieg gerührt, glücklich, den Tränen nahe. Später meinte er: Ich kann nur sagen: Toll, dass ich damals dabei war. Es war verrückt, aber oft ist gerade das Verrückte das Schönste im Leben. Es war der Gipfel dessen, was man mit einem Rallye-Auto machen kann.

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