CD-Tipp der Woche

Foto 1

Holden – Chevrotine. (Le Pop Musik/GrooveAttack)

Holden, die neuen Lieblinge der Pariser Szene! Hier kommt einer der ungewöhnlichsten Acts auf der französichen Musiklandkarte! Holden, die fünfköpfige Band um das Songwriterpaar Armelle Pioline (Gesang und Gitarre) und Mocke (Gitarre), formuliert mit ihrem dritten Album Chevrotine einen einzigartigen Popentwurf jenseits aller Genres: Von Electronica bis Chanson, von 30er Jahre Jazz bis Krautrock, von Indiepop bis Spaghettiwestern-Soundtrack, von Exotica bis Psychedelic reicht der faszinierende musikalische Horizont Holdens. Zusammen gehalten und zu einer Einheit geformt wird das Ganze durch Armelle Piolines elegant-entrückte Stimme und die raffinierte Produktion von Atom Heart (alias Uwe Schmidt, alias Señor Coconut), die dem Album einen sanft fließenden Groove verleiht. Chevrotine, in Frankreich bereits 2006 erschienen, ist Holdens erste Veröffentlichung in Deutschland und gehört sicherlich zu den interessantesten und schönsten Alben dieses Frühjahrs. Holden debütierten 1998 mit dem Album L'Arrière-Monde beim legendären Pariser Lithium Label (Françoiz Breut, Dominique A, Jérôme Minière …). Mit ihren ausgefeilten Melodien und einem enormen Gespür für Klangfarben waren sie schon damals mehr als eine hoffnungsvolle Indieband. Was noch fehlte, war ein kongenialer Produzent, der das Potential ihres Sounds zu voller Blüte bringt. Bereits für das zweites Album hatten sie ihn gefunden. Pedrolira (2003) wurde – wie jetzt auch Chevrotine – von Uwe Schmidt in dessen Wahlheimat Chile produziert. Der gebürtige Frankfurter, der sich unter diversen Pseudonymen (darunter Lassigue Bendthaus, LB, Atom Heart) zu einer Produzentenkoryphäe entwickelt hat, wurde am bekanntesten in seiner Inkarnation als Señor Coconut mit den lässigen Kraftwerk-Interpretationen im Cha-Cha-Cha-Stil.

Gitarrist Mocke: Wir sind große Fans seiner Herangehensweise an Musik und seines Gefühls für Arrangements. Wir haben nach einem Soundkünstler gesucht, der ein gutes Händchen für Klänge hat. So sind wir auf die Idee gekommen, Atom Heart ein Demo zu schicken. Zu unserer Überraschung hat er angerufen und gesagt: Ich habe große Lust mit euch zu arbeiten. Pariser Eleganz trifft auf die flirrende Atmosphäre von Santiago de Chile – nicht der einzige vermeintliche Gegensatz, der sich bei Holden als fruchtbar entpuppt: So fügt sich Mockes fast surreales Gitarrenspiel – das mal an Django Reinhardt, mal an Pink Floyd erinnert – geschmeidig an das warme Timbre von Armelle Piolines erhaben-sehnsuchtsvoller Stimme, bei der wiederum viele an klassische Vorbilder denken: Es gibt die verbreitete Ansicht, dass meine Stimme bekannten französischen Chanteusen aus den Sechzigern wie Françoise Hardy ähnelt. Das ist nach allgemeiner Vorstellung sehr französisch. Aber wir als Franzosen empfinden uns als atypische französische Band, so Armelle. Vielleicht macht sie gerade das momentan zum Liebling der Pariser Szene. In den Jahrescharts der Libération landeten sie auf Platz vier gleich hinter den Arctic Monkeys und vergangenen Dezember gaben Holden ein Konzert im Pariser La Cigale mit diversen Gastmusikern der Nouvelle Scène wie Vincent Delerm, Jeanne Cherhal oder Albin de la Simone – allesamt große Fans der Band.

Mocke: Uns ist es sehr wichtig, auf Französisch zu singen. Zum einen weil es zu unserem Kosmos gehört, zum anderen auch, um den Franzosen etwas in unserer Sprache zu geben, das nicht typisch für das Chanson ist. Armelle ergänzt: Es gibt eben tausend Weisen, sich auf Französisch auszudrücken und zu singen. Gibt es dennoch Einflüsse aus der Welt des Chanson? Armelle: Es sind keine direkten Einflüsse aber es gibt natürlich Künstler, die wir sehr bewundern. Edith Piaf, Boris Vian und natürlich Serge Gainsbourg. Mocke: Die ersten Platten von Brigitte Fontaine. Da bin ich Megafan, und das ist auch ein wichtiger Einfluss für mich.

Untypisch-typisch für Holden ist ein warmer, psychedelisch groovender Soundteppich, auf dem die Songs eindrucksvoll zur Entfaltung kommen. Bereits der Opener Ce que je suis besticht durch eine subtile Melodie, die sich langsam kaleidoskopartig auffächert, bis sie einen nicht mehr loslässt. Und auch wenn im Laufe des Albums die Tempi und Klangfarben wechseln, vom eindringlichen Charlie, Rosie et moi über die Uptempo-Nummern Madrid, Sur le pavé oder Comme une fille bis hin zu hypnotischen Ambient Chansons wie Les cigales und En septembre – Chevrotine durchzieht eine suggestive Grundstimmung voller Wärme, Eleganz – und Melancholie.

Scroll to Top