Giulio Betti: Der Auto-Zeichner mit dem Röntgenblick

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Verschwitzt-verschmitzt tritt Giulio Betti durch die Terrassentür ins Haus. Früher war ich ein Zeichner, der das Land liebt. Jetzt bin ich ein Bauer, der ab und zu zeichnet, kokettiert der 73-Jährige mit der Gartenarbeit. Für seine detailgetreuen Autoporträts ist der Italiener weltweit bekannt. Schon vor Jahrzehnten hat er damit ein eigenes Genre geschaffen: Wie Röntgenzeichnungen machen Betti-Bilder die Technik eines Autos transparent, ohne dessen Ausstrahlung zu mindern. Kleinste Details – wie etwa die Kardanwelle des Chevrolet Captiva, dem Objekt der jüngsten Betti-Zeichnung – sind gleichermaßen technisch wie handwerklich perfekt dargestellt.

Wie viele Auto-Illustrationen aus seiner Feder stammen, weiß Betti gar nicht genau. Über 1.000, vermutet er. Ein Archiv existiert nicht, die Originale behielten stets die Kunden. Die erste Zeichnung in seinem einzigartigen Stil entstand Mitte der 60er Jahre für die italienische Autozeitschrift Quattroruote – Betti porträtierte den Fiat 124. Mehr als 700 Zeichnungen allein für Quattroruote sollten folgen, darunter Meilensteine in der Autohistorie wie der Ferrari 512. Anfang der 70er Jahre kam die deutsche Autozeitung als langjähriger Auftraggeber hinzu, später lagen dem Opel-Magazin Start häufig großformatige Betti-Poster bei.

Doch nicht nur Autos zeichnete Betti auf Wunsch von Herstellern und Medien. Kühlschränke, Waschmaschinen, Jagdflugzeuge und das Space-Shuttle gaben dem Illustrator ebenso ihr Innenleben preis. Stilistisches Vorbild war der Brite Hallington, der allerdings nur mit Tinte zeichnete. Ich wollte mit Farben arbeiten und den Autos mehr Volumen geben, so Giulio Betti.

Rund 20 Tage benötigt Betti für eine Zeichnung. Am Beispiel des Chevrolet Captiva erläutert er die Vorgehensweise: Für den Start benötige ich Fotos in der richtigen Perspektive, am liebsten mit geöffneten Türen und Hauben. Dann fängt er an, mit dem Bleistift auf Zeichenpapier die Karosserie zu skizzieren. Details wie Motor, Fahrwerk und Innenraum folgen. Anschließend überträgt Betti die Zeichnung auf Malpapier, indem er die Skizze umdreht und die Konturen mit einem Holzstift durchpaust. Danach greift er zum Pinsel und malt frei Hand mit Tempera-Farben Einzelheiten wie den V6-Motor des Captiva. Die Umrisse der Karosserie sind dabei mit Tesafilm abgeklebt, was versehentliches Übermalen verhindert.

Bei aller handwerklichen Perfektion – könnte ein Computer die Zeichenarbeit nicht wesentlich vereinfachen? Giulio Betti schüttelt energisch den Kopf. Computer sind dazu da, um Fotos von Enkelkindern anzuschauen, aber nicht für Autos. Augenzwinkernd schiebt der siebenfache Großvater die sachliche Erklärung nach: CAD-Programme geben alle Komponenten zwar 100-prozentig richtig wieder, aber die Elemente liegen übereinander. Eine Zeichnung wirkt auf den Betrachter nicht so konfus, weil sie das Wesentliche zeigt.

Die Technik eines Autos ist für Betti inzwischen mehr als ein bloßes künstlerisches Detail. Dass ich mich auf Autos spezialisiert habe, ist mehr oder minder zufällig entstanden.
Aber nach und nach habe ich angefangen, das Thema zu lieben und die Technik zu verstehen. Und, ganz italienischer Charmeur, ergänzt er: Aber eigentlich male ich am liebsten schöne Frauen.

Schon als Kind hat der 1933 geborene Giulio Betti leidenschaftlich gemalt. Eine künstlerische Ausbildung hat er jedoch nie absolviert. Nach dem Krieg habe ich mit 12 Jahren in einem Cartoon-Atelier, einem der ersten in Italien, angefangen zu arbeiten. Der Besitzer hat Aquarelle gemalt, von ihm konnte ich mir einiges abschauen. Nächste Station war eine Firma für Verpackungen, in der Betti die grafische Gestaltung unter anderem von Etiketten übernahm.

Mit Mitte 20 machte er sich selbstständig und brachte seinem zehn Jahre jüngeren Bruder Bruno das Zeichnen bei. Fortan porträtierten beide Autos. Bruno Betti, heute noch in Quattroruote-Diensten, besitzt offenbar dasselbe Talent: Ob die Zeichnungen von Giulio oder Bruno stammen, können Außenstehende nicht unterscheiden – und unterschrieben sind sie oft nur mit dem Nachnamen.

Mit seinem liebenswürdigen Chaos erinnert Bettis Atelier an Spitzwegs Gemälde Der arme Poet. Sein Arbeitsraum unter dem Dach eines Nebengebäudes ist bis in jeden Winkel voll gestopft. Dass Betti ein künstlerisches Multi-Talent ist, wird auf den ersten Blick deutlich: Vor dem Zeichentisch steht eine originalgetreue Nachbildung von Michelangelos Pferde-Statur Il Cavallo. Über ein Jahr lang hat Betti jeden Abend ein paar Stunden an der Holzskulptur geschnitzt. Sein Faible für Finessen zeigt sich hier in der perfekt wieder-gegebenen Anatomie: Sehnige Muskeln überspannen den athletischen Pferdekörper aus Lindenholz.

Unweit des Michelangelo-Replikats findet sich ein Abstecher in die Renaissance-Malerei: Zwei Hauptmotive des Averoldi-Altarpolyptychons von Tizian, die Auferstehung Christi und die Jungfrau der Verkündigung, hat Giulio Betti mit gewohnter handwerklicher Perfektion auf einem Gemälde unmittelbar nebeneinander vereint. Auch zwei große Teleskope stehen im Atelier. Früher habe er mehrfach im Monat die Sterne beobachtet, verrät Betti. Inzwischen betreibe er die Astronomie nur noch gelegentlich, schließlich sei es, fügt er mit Altersschalk hinzu, im Grunde immer dieselbe Show.

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