Buchtipp der Woche

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Francois Lelord/Christophe André: Der ganz normale Wahnsinn. Vom Umgang mit schwierigen Menschen.
Gustav Kiepenheuer Verlag; 15,90 Euro.

Mit dem recht beliebten psychologischen Rat, schwierige Menschen und Situationen nach Möglichkeit zu meiden, gehen die Psychologen Lelord und André sehr sparsam um. Zum Glück, denn beide wissen, dass das Meiden oft genug schlichtweg nicht möglich ist – immerhin verbringt der Mensch sein Leben in aller Regel als soziales Wesen und eher selten als Eremit auf einer einsamen Insel. Es gilt also, sich mit narzisstischen, zwanghaften, paranoiden Menschen sozialverträglich auseinanderzusetzen – um nur drei Beispiele zu nennen.

Mit einigen Testfragen, mit denen die Kapitel zu Persönlichkeitstypen abschließen, kann man beim Lesen herausfinden, ob und welche Züge man selbst in sich trägt. Und: Ungeachtet dramatisch klingender Wörter wie narzisstisch und paranoid ist ein so bezeichneter Wesenszug nicht zwingend problematisch. Denn eine Spur Narzissmus ist nicht gleich Selbstverliebtheit, sondern gesundes Selbstbewusstsein. Und das kleine Quäntchen Zwanghaftigkeit heißt ja nichts anderes als das löbliche Bemühen, das, was man tut, so gut wie möglich zu tun.

Wenn aber jemand sich selbst vorzüglich findet, den Rest der Welt hingegen für unwichtig hält, wenn jemand über dem Kontrollieren von Vorgängen das Ergebnis seiner Arbeit aus den Augen verliert, wird es kritisch. Das empfinden die betroffenen Personen übrigens nicht selten genau so – nicht nur das betroffen-genervte Umfeld. Auch Vorsicht, im Übermaß zur Anwendung gebracht, ist ein schwieriger Wesenszug – einfach weil das Übermaß schon dazu führen kann, genau die Fehler zu machen, die der Vorsichtige doch mit seiner Vorsicht vermeiden will.

Manchmal kann es sinnvoll sein, den schwierigen Mitmenschen einfach machen zu lassen, so die Autoren. Wer eher in sich gekehrt lebt, kann sich damit durchaus wohlfühlen. Wenn der Lebenspartner dann eher extrovertiert geprägt ist, mag ihm dieses Wissen schon ausreichen – weil Schweigen oder zeitweiliger Rückzug dann nicht mehr persönlich genommen und als Angriff verstanden werden. Mitunter sind vorsichtige Hinweise angebracht; vielleicht hilft ein verändertes Betätigungsfeld: Wer im Kontrollieren eine gewisse Befriedigung findet, vielleicht einfach nicht anders kann, der mag z. B. für die Buchhaltung eines Unternehmens ein wahrer Segen sein. Besonders eindrucksvoll schildern Lelord und André den Fall eines sehr in sich gekehrten Menschen, der erst aus sich herausging, als die Firma ein Ballturnier veranstaltete. Er wurde gebraucht, weil sonst die Mannschaftsstärken ungleich geraten wären. Dieser Appell an sein Pflichtbewusstsein fruchtete. Im Spielen lernte der Mann schließlich den wohltuenden Effekt innerer Entspannung kennen und nahm künftig verstärkt an privaten Aktivitäten mit Kollegen teil.

Nicht zuletzt pflegen die Autoren auch einen entspannten Umgang mit Psychotherapie und dem Einsatz von Medikamenten. Letzteres ist besonders wichtig: Erstens haben die wenigsten der modernen Psychopharmaka noch ein Suchtpotential, zweitens sind auch sonstige Nebenwirkungen nicht mehr so häufig und gravierend wie bei früher gebräuchlichen Substanzen. Nicht zuletzt mag es sinnvoll sein, unter ärztlicher Überwachung die Nebenwirkung eines Medikaments für eine gewisse Zeit auszuhalten statt langfristig unter zu stark ausgeprägten problematischen Wesenszügen zu leiden.

Der ganz normale Wahnsinn verfolgt, bei allem vermittelten theoretischem Wissen, konsequent einen praktischen Ansatz für den täglichen Umgang mit ganz verschiedenen Mitmenschen, beruflich und privat. Die Beispiele und Beschreibungen sind anschaulich und verständlich. Das macht das Buch der beiden Psychologen, von denen einer außerdem ausgebildeter Arzt ist, zu einem sehr hilfreichen Ratgeber.

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